Aktuell
Gründer schaffen wenige aber nachhaltige Arbeitsplätze
Strukturbericht Region Stuttgart 2007 vorgestellt
Am 22. November 2007 präsentierten die Handwerkskammer, die IHK, die IGM sowie der Verband Region Stuttgart ihren gemeinsamen Strukturbericht 2007 der Öffentlichkeit. Im Zentrum der Untersuchung stand das Schwerpunktthema Unternehmensgründung. Die Herausgeber des Strukturberichts attestieren dem Jahr 2007 eine positive Trendwende auf dem Arbeitsmarkt, beklagen aber einen zunehmenden Mangel an qualifizierten Arbeitskräften.

In der sechsten Ausgabe des von den beiden Wirtschaftskammern IHK und Handwerkskammer Region Stuttgart zusammen mit der IGM und dem Verband Region Stuttgart veröffentlichten Strukturberichts konnten die beiden mit der Untesuchung beauftragten Institute erstmals auf das Betriebs-Historik-Panel der Bundesanstalt für Arbeit zurückgreifen. Das Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW), Tübingen, und das Institut für Medienforschung und Urbanistik (IMU), Stuttgart, zeigten mit dieser Datenbasis auf, welchen Verlauf Unternehmensgründungen in der Region Stuttgart in ihren ersten Jahren nehmen, wie sie sich auf dem Markt behaupten und in welchem Umfang sie Arbeitsplätze schaffen.
Selbstständigkeit ohne Druck
Zumindest zwei Erkenntnisse der Untersuchung überraschen: Die Gründungsintensität an Unternehmen ist in der Region niedriger als im Land und im Bund. Und: Gründungen sind, wie es in einer gemeinsamen Presseinformation heißt, "kein Jobmotor". Allerdings sind beide Ergebnisse kein Eingeständnis von Schwächen. Im Gegenteil: Die niedrigere Zahl von Gründungen erklären IAW und IMU damit, dass die wirtschaftliche Situation der Region so gut sei, dass eine niedrigere Arbeitslosenquote und sichere Arbeitsplätze den Druck reduzierten, sich selbstständig zu machen.
Claus Munkwitz, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart, konnte in seinem Statement die Funktion von Unternehmensgründungen für die Wirtschaft der Region näher beleuchten. Durchschnittlich 2,2 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze würden im Gründungsjahr eines Betriebes geschaffen, führte Munkwitz aus. Als Indikator eines "Jobmotors" gehe dieser Wert nicht durch, aber der Strukturbericht zeige, dass Gründungen eher vor dem Hintergrund ihrer langfristigen Folgen zu betrachten seien. Durch sie würden neue Geschäftsideen und neue Technologien in den Markt eingeführt, was den Arbeitsmarkt dauerhaft stabilisiere.
Tatsächlich erklärt der Strukturbericht die Region Stuttgart zu einem der bundesweit innovationsstärksten Gebiete und bescheinigt ihr eine dynamische Entwicklung und hohe Stabilität. Mehr als ein Viertel seiner Wertschöpfung - nämlich 28 Prozent - verdankt das Land Baden-Württemberg ausschließlich der Region Stuttgart. Tendenziell steigt die Zahl der Betriebsgründungen in den Unternehmensregistern der beiden Wirtschaftskammern an. So verzeichnete die Handwerksrolle im Jahr 2006 mit rund 29.500 Unternehmen eine Zunahme von 500 Gründungen gegenüber dem Vorjahr. Ein Bestandsrekord in der Statistik der Handwerkskammer.
Sonderweg Handwerk
Vieles ist im Handwek anders als in den anderen Wirtschaftsbereichen. Die Hälfte der Existenzgründer des Handwerks gründen beispielsweise keinen neuen Betrieb, sondern übernehmen einen bestehenden. Auf diesen übertragen sie dann häufig neue, einem veränderten Markt angepasste, Konzepte.
Die hohe Zahl der Neueintragungen in die Handwerksrolle ist zwar nicht zuletzt einer großen Menge von Alleingründungen zu verdanken und auf die Abschaffung der Meisterpflicht in einigen Gewerken zurückzuführen, die die Reform der Handwerksordnung im Jahr 2004 mit sich brachte. Gerade der Meisterbrief sorgt aber andererseits für Stabilität in den Existenzgründungen des Handwerks. Mehr als drei Viertel der Unternehmensgründer dieses Wirtschaftszweigs können einen Meisterbrief vorweisen. Damit haben sie auch einschlägige Branchenerfahrungen im Hintergrund, die in anderen Bereichen der Wirtschaft keine Selbstverständlichkeit sind. Ganze 95 Prozent können auf passende Branchenkenntnisse verweisen, zwei Drittel der Existenzgründer des Handwerks haben schon Führungserfahrung und immerhin ein Drittel hatte schon Berührung mit unternehmerischer Selbstständigkeit.
Vertraute Strukturen, bekannte Probleme
Die 150 für die Untersuchung befragten Unternehmen bescheinigten der Region Stuttgart ein dichtes Netz von Einrichtungen, die Existenzgründungen erleichterten. Die Handwerkskammer hat im Januar 2007 ein spezielles Starter-Center eingerichtet, das Gründer von den anfangs erforderlichen Formalitäten entlasten soll. Auch das sonstige Beratungsangebot von Kammern und Verbänden nutzen Untenehmer offenbar gern. Fast zwei Drittel der an der Untersuchung beteiligten Betriebsinhaber gaben an, schon auf die Unterstützung der Organisationen zurückgegriffen zu haben.
Zu ringen haben viele Unternehmer aber mit dem später entstehenden verwaltungstechnischen Aufwand wie der Abschätzung von im Voraus zu entrichtenden Sozialversicherungsbeiträgen oder der Führung verschiedener Einkommensarten. Immer wieder beklagt wurde zudem der Mangel an qualifiziertem Personal auf dem Arbeitsmarkt.
Claus Munkwitz fordert an dieser Stelle "mutige Reformen" für eine "neue Schulkultur", damit Schulabgänger den Ansprüchen der Unternehmen genügen könnten. Dabei, so Munkwitz, stehe auch das dreigliedrige Schulsystem samt der Hauptschule zur Disposition.
Ein Schulsystem, das besser qualifizierte Abgänger in das Berufsleben entlässt, scheint den Herausgebern des Strukturberichts nicht zuletzt nach dem Ende der Krisenjahre wichtig: Von 2002 bis 2006 büßte die Region Stuttgart gut 50.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze ein. Die Jahre 2006 und 2007 trugen den beginnenden wirtschaftlichen Aufschwung dann aber auch in den Arbeitsmarkt. Die Konjunkturberichte der beiden Kammern legen nahe, dass bereits für 2008 ein großer Teil der Unternehmen beabsichtigt, mehr Fachkräfte einzustellen.
Strukturbericht Region Stuttgart 2007 (pdf-Dokument, 2,08 MB)
Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart




