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Hermann Scheer fordert Energie-Wende
Das Handwerk wäre der Gewinner
Für eine radikale Neuorientierung in der Energiepolitik setzt sich Dr. Hermann Scheer, MdB, SPD, ein. In seinem Vortrag Erneuerbare Energien als goldene Zukunftschance für das Handwerk sprach er am 6. Februar 2006 im FORUM der Handwerkskammer Region Stuttgart über seine Ideen für eine verantwortungsvolle künftige Energiewirtschaft.

Experten haben Fachgebiete, soviel ist klar. Dass die Materie, mit der er sich bevorzugt beschäftigt, ein Fachgebiet sei, bestreitet der SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Hermann Scheer allerdings wortgewandt: "Energie ist die Grundlage für alles, und deshalb ist sie kein Fachgebiet!" Seinen guten Ruf als Experte in Sachen Energiewirtschaft konnte Scheer im Zukunfts-Forum der Handwerkskammer Region Stuttgart dann aber auch als Generalist bekräftigen. Mit überzeugenden Argumenten für eine dezentrale Energieversorgung.
"Ein mittelständisches Unternehmen ist offenkundig ungeeignet, Erdöl und Erdgas aus dem Kaukasus nach Mitteleuropa zu bringen." Dagegen sei es aber der prädestinierte Dienstleister für die Montage von Photovoltaikanlagen, solarthermischen Installationen, Brennstoffzellen, Pelletsheizungen, Windkraftanlagen oder Einrichtungen für die Nutzung von Bioenergie. Deshalb bedeute ein Schwenk zu den erneuerbaren Energien zwingend die Rückkehr zu mittelständischen Strukturen. Auftragnehmer seien dann Handwerker, Forst- und Landwirte, unterstreicht Scheer.
Am Anfang war der Dampf
Die Prinzipien der gegenwärtigen Energiewirtschaft skizziert der promovierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler als Folgen eines historischen Zufalls: Zu Zeiten der Industriellen Revolution war die Dampfmaschine Schrittmacher der ökonomischen Entwicklung der neu entstehenden Industrienationen. Für sie waren aber Energiemengen in nie zuvor gekanntem Ausmaß erforderlich. Das Ruhrgebiet verdankte diesem Umstand seinen Aufstieg, denn nur mit Kohle konnten die Dampfmaschinen betrieben werden, die Unmengen von Heizenergie verschlangen, um Bewegungsenergie zu erzeugen. "Energiewandler" nennen Physiker solche Anlagen. Von der Kohle der frühen Jahre, bis zum Erdöl des 20. Jahrhunderts, vom Verbrennungsmotor bis zur Atomkraft: am Prinzip, die eine Energieform zu produzieren, indem eine andere zunächst vergeudet wird, habe sich, so Hermann Scheer, bis in die Gegenwart nichts geändert.
Bis heute: Nichts als Dampf
Der Waiblinger SPD-Abgeordnete verweist ausdrücklich auf die Funktionsweise von Atomkraftwerken. Die riskante Spaltung von Uran diene auch dort nur dem Zweck, Heizenergie zu gewinnen, mit der sich Dampfturbinen betreiben lassen, die Strom produzieren. "Wenn man so will, leben wir mit unserer Stromerzeugung noch immer von einer Technik des 18. Jahrhunderts. Das ist nicht besonders fortschrittlich."

Der Gast und sein Gastgeber: Dr. Hermann Scheer und Hauptgeschäftsführer Claus Munkwitz von der Handwerkskammer Region Stuttgart im Gespräch.
Fortschrittlich nennt Hermann Scheer, der im Jahr 1999 mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde, dagegen die Nutzung regenerativer Energieformen. Einzig die Interessen der großen Energieversorgungsunternehmen stünden dem noch entgegen. Und zwar massiv, denn in der Politik sei die Lobby der Energie-Oligarchen mächtig. "Als Ratgeber sind die Großen gefragt, obwohl gerade sie alles andere als neutral handeln." Das Interesse der Energieversorger sei es, die zentralisierte Energieversorgung auf atomar-fossiler Grundlage beizubehalten, denn sie sei deren Existenzgrundlage. Ein Schwenk zu den erneuerbaren Energien würde sie hingegen zu wirtschaftlichen Verlierern machen. Regenerative Energien nämlich werden nicht gefördert und nicht verteilt, sondern einfach nur genutzt. Durch kleinteilige Anlagen, die beim Endverbraucher installiert werden müssen - auf Dächern, in Fassaden oder in Heizkellern. Gewinner einer dezentralen Energiewirtschaft wäre dauerhaft das Handwerk. "Wer soll eine Vielzahl solcher Anlagen vor Ort denn sonst montieren?", fragt Scheer. Hinzu kämen noch eine Reihe von Beratungsdienstleistungen, denn von Land zu Land, von Ort zu Ort und von Verbraucher zu Verbraucher kann der jeweils empfehlenswerte Mix aus erneuerbaren Energiequellen sehr unterschiedlich ausfallen.
Volldampf für den Energie-Umstieg
"Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte Nachricht ist: Es geht zu Ende. Und die gute Nachricht ist: Es geht zu Ende." Auf diese knappe Formel bringt Scheer die Zukunft der herkömmlichen atomar-fossilen Energiewirtschaft. Auch bei vorsichtiger Schätzung reichten die Ressourcen an Erdöl, Erdgas und Uran nur noch wenige Jahrzehnte. "Wer unter diesen Vorzeichen weiterhin für eine Nutzung dieser Energiequellen eintritt, zeigt, dass er nichts verstanden hat." Der Energiehaushalt der Industrienationen und aller anderen Staaten der Erde lasse sich mit regenerativen Ressourcen problemlos decken, gefährliche Abhängigkeiten von Krisenregionen reduzieren. Scheer: "Die Sonne liefert uns vollkommen kostenlos jeden Tag 15.000 Mal mehr Energie als wir weltweit an fossilen und atomaren Energien verheizen. Und das noch etwa fünf bis sieben Milliarden Jahre lang."
Nachzutragen bleibt, dass der Informationsdienst heise online am 8. Februar meldete, dass das Königreich Schweden bis zum Jahr 2020 vollständig auf die Verwendung von Öl verzichten will.



